Gehen wir wirklich zu oft zum Arzt?
KKH-Vorstand Dr. Matz: Versicherte besser durch Versorgungsdschungel lotsen
Hannover, 03.03.2026
Derzeit diskutiert die Politik kontrovers über eine bessere Patientensteuerung. Das Ziel: lange Wartezeiten auf Facharzttermine verkürzen und Doppeluntersuchungen reduzieren. Doch gehen wir wirklich zu oft zum Arzt? Ein Blick in die Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse gibt Aufschluss: Demnach hatten 2024 rund 90 Prozent der KKH-Versicherten Kontakt zu einer ambulanten Arztpraxis. Die Mehrheit (48,5 Prozent) suchte in dem genannten Jahr im Schnitt fünf- bis achtmal eine Medizinerin oder einen Mediziner auf und liegt damit unter dem Mittel von neun bis zehn Arztbesuchen jährlich. 2014 lag die Quote allerdings noch bei fast 56 Prozent. Vergleichsweise niedriger, aber deutlich gestiegen ist der Anteil der sogenannten Vielgeher:innen: von fast 29 Prozent im Jahr 2014 auf rund 37 Prozent im aktuellen Auswertungsjahr 2024. Diese Versicherten nehmen mindestens elfmal jährlich ambulante medizinische Hilfe in Anspruch.
Jeder fünfte Mann geht gar nicht zum Arzt, Jüngere googeln lieber
Immerhin knapp zehn Prozent der Versicherten sind 2024 kein einziges Mal bei einer Ärztin oder einem Arzt gewesen, vor allem Männer im Alter zwischen 20 und 49 Jahren. Bei ihnen lag der Anteil sogar bei mehr als 20 Prozent. Erwachsene Männer bis 39 Jahre kontaktieren zudem am seltensten eine/n Mediziner/in, und zwar 2024 im Schnitt fünfmal – ihre Altersgenossinnen mit acht bis neun Arztbesuchen dagegen deutlich häufiger. Mit zunehmendem Alter gleicht sich die Zahl der Medizinerkontakte bei Frauen und Männern allerdings wieder an. Gleichzeitig steigt die durchschnittliche Anzahl auf bis zu 14 Arztbesuche jährlich, was vor allem mit einer intensiveren Versorgung in den späteren Lebensjahren zu erklären ist.
Daneben gibt es Menschen, die lieber googeln als zum Arzt zu gehen – vor allem die jüngere Generation. Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag der KKH recherchieren 39 Prozent der Befragten im Alter von 16 bis 34 Jahren im Internet zu medizinischen Fragen oder würden dies tun, um sich einen Arztbesuch zu ersparen – etwa angesichts voller Arztpraxen und langer Wartezeiten auf einen Termin. 29 Prozent in dieser Altersgruppe, die sich schon einmal online über Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten informiert haben, konnten sich nach eigener Aussage dadurch selbst helfen und somit auf einen Arztbesuch verzichten, und jeder Fünfte 16- bis 34-Jährige (20 Prozent) hat sich schon einmal eine Selbstdiagnose gestellt. Dies kann mitunter gefährlich werden, denn nicht immer sind die Informationen aus dem Netz seriös und aktuell. Darüber hinaus erfordert eine individuelle, verlässliche Diagnose in den meisten Fällen medizinische Untersuchungen, die wiederum nur eine Arztpraxis oder Klinik leisten kann.
KKH-Chef fordert mehr Handlungsspielraum für Krankenkassen
„Unsere Daten und Umfrage-Ergebnisse zeigen, dass wir Versicherte künftig besser durch den Versorgungsdschungel lotsen müssen“, sagt KKH-Vorstand Dr. Wolfgang Matz. „Dringend notwendig ist die Einführung eines Primärversorgungssystems. Damit wären die Hausarztpraxen für Patientinnen und Patienten Ansprechpartner Nummer eins in allen medizinischen Fragen – egal ob persönlich oder digital. Sie übernehmen die weitere Versorgung und koordinieren auch die Weiterbehandlung. Dadurch ließen sich Doppeluntersuchungen vermeiden. Auch würden Facharztpraxen und Kliniken entlastet.“ Gerade in der Steuerung der Patientenströme liegt Matz zufolge herausragendes, bislang weitgehend ungenutztes Potenzial: „Anhand unserer Daten können wir Kassen frühzeitig gesundheitliche Risiken erkennen und die Ansprache sowie Betreuung unserer Versicherten gezielt darauf ausrichten – mit leicht verständlichen Informationen und Hinweisen zu konkreten Versorgungsangeboten.“ Dies verhilft Patientinnen und Patienten auf lange Sicht zu einer stabilen Gesundheit. „Daher wünsche ich mir von der Politik deutlich mehr Handlungsspielraum für die Krankenkassen zugunsten einer optimierten Versorgung.“
Die KKH leistet bereits Hilfe zu einer besseren Steuerung und Unterstützung von Versicherten, etwa im Rahmen ihres Angebots ‚360° versorgt‘. Patient:innen mit chronischen Erkrankungen erhalten dabei wichtige Informationen zu individuell auf sie zugeschnittenen Versorgungsangeboten und Präventionskursen. Darüber hinaus hat die KKH Patient:innen mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) mit telefonischen Gesundheitscoachings und gezielten Hinweisen für den Umgang mit dieser Diagnose im Alltag unterstützt: Besser versorgt bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) | KKH. Eine Neuauflage des Programms ist geplant.
Hintergrundinformationen
Die KKH hat die Daten ihrer Versicherten bezüglich der Arztbesuche in den Jahren 2014, 2019 und 2024 ausgewertet. Dabei wurden sowohl die ärztliche Beratung und Behandlung als auch die Abholung eines Rezeptes oder einer Überweisung sowie ein telefonischer Kontakt berücksichtigt, sofern diese zu einer Abrechnung führten. Zahnarztbesuche sind in der Analyse nicht enthalten. Das Mittel von neun Arztkontakten jährlich errechnet sich aus den KKH-Daten. Durchschnittlich rund zehnmal pro Jahr gehen die Deutschen laut eines Europavergleichs der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2021 zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Das Meinungsforschungsinstitut forsa hatte darüber hinaus im Auftrag der KKH im Dezember 2025 insgesamt 1.000 Bürger im Alter von 16 bis 70 Jahren online befragt, deutschlandweit repräsentativ. 291 der Befragten gehörten zur Altersgruppe der 16- bis 34-Jährigen.
Mit rund 1,5 Millionen Versicherten, einem Haushaltsvolumen von rund 8,7 Milliarden Euro und rund 4.000 Mitarbeitenden zählt die KKH Kaufmännische Krankenkasse als eine der größten bundesweiten Krankenkassen zu den leistungsstarken Trägern der gesetzlichen Krankenversicherung. Nähere Informationen erhalten Sie unter kkh.de/presse/portraet.
Noch nicht gefunden, wonach Sie suchen?