Skin Hunger: die Kraft von Berührungen und Umarmungen
25.08.2026 • 10 Minuten Lesedauer
Viele Menschen sehnen sich nach körperlicher Nähe. Warum das Umarmen und Berühren so wichtig ist.
Inhalt
- Was ist Skin Hunger?
- Warum ist Körperkontakt überlebenswichtig?
- Die richtige Balance Lässt sich Skin Hunger messen?
- Die zwei Dimensionen von Berührungen
- Alltägliche Berührungen: vom Händeschütteln bis hin zu Kuschel-Cafés
- Corona – Abstand halten und die Folgen
- Untrennbar verknüpft: Berührungen und soziale Beziehungen
- Wie lassen sich Skin Hunger und touch starvation vermeiden?
Was ist Skin Hunger?
Viele Menschen wünschen sich Körperkontakt, einen liebevollen Händedruck, ein sanftes Streicheln über das Gesicht oder einfach in den Arm genommen zu werden. Wir brauchen solche Berührungen und Umarmungen – in einer Freundschaft genauso wie in einer Partnerschaft. Sie tun uns und unserer Gesundheit gut.
Doch manchmal fehlen sie uns auch. Die Sehnsucht und das Verlangen nach Körperkontakt nennt sich „Skin Hunger“. Frei übersetzt und sinnbildlich betrachtet, ist es der „Hunger nach Haut“. Wann sich dieser Hunger entwickelt, ist individuell verschieden.
Warum ist Körperkontakt überlebenswichtig?
Der Wunsch nach angenehmem Körperkontakt mit vertrauten Menschen ist angeboren. Zu Beginn unseres Lebens sind Berührungen besonders wichtig – Säuglinge könnten ohne sie kaum überleben. Sie brauchen Streicheleinheiten der Eltern genauso wie genügend Nahrung und Schlaf. Doch auch ältere Kinder und Erwachsene, die zu wenig Berührungen erfahren, können darunter leiden.
Aus einem einfachen Grund: Bei Berührungen, Umarmungen und Kuscheleinheiten wird das sogenannte Glücks- und Kuschelhormon Oxytocin freigesetzt. Es senkt den Blutdruck, reduziert Stress und Angst. Deshalb macht es durchaus Sinn, dass Menschen in bestimmten Situationen, die ihnen Angst machen, die Hand einer anderen Person halten möchten – sei es im Flugzeug oder bei einem spannenden Film auf dem Sofa.
Fehlen Umarmungen & Co. über einen längeren Zeitraum, kann das negative gesundheitliche Folgen haben. Studien belegen, dass Menschen mit Berührungsmangel, also „Skin Hunger“. Ein anderer Begriff ist touch starvation häufiger an Angststörungen und Depressionen leiden. Weitere mögliche Folgen können gefühlte Einsamkeit und Isolation sein.
Lässt sich Skin Hunger messen?
Die tatsächlichen Folgen von „Skin Hunger“ lassen sich nur schwer wissenschaftlich messen. Denn das Thema Berührung isoliert zu betrachten, ist kaum möglich. Eine Umarmung mit Freunden ist auch immer Interaktion und Kommunikation.
Die Botschaft: Wir mögen uns. Du gehörst zur Gruppe dazu, bist nicht allein. Das gibt ein gutes Gefühl. Wer über einen längeren Zeitraum auf Berührungen verzichten muss, sehnt sich vielleicht genau nach dieser körperlichen Nähe. Aber vielleicht auch nach Interaktion und Kommunikation mit vertrauten Menschen.
Die zwei Dimensionen von Berührungen
Die positive Wirkung von Berührungen hat immer zwei Dimensionen – die physiologische und die psychologische. Rein körperlich betrachtet können wir den Rezeptoren unter unserer Hautoberfläche auch selbst etwas Gutes tun.
Es fühlt sich für die meisten prima an, wenn sie sich über den Unterarm streichen oder die Füße massieren. Oder mit den Fingern Schultern und Nacken abklopfen. Die psychologische Komponente ist hingegen stark geprägt von dem Gegenüber – etwa Freunden, Freundinnen oder der Familie. Haben wir regelmäßig Kontakt zu ihnen, hilft das, sich nicht einsam zu fühlen.
Alltägliche Berührungen: vom Händeschütteln bis hin zu Kuschel-Cafés
Auch im Alltag sind körperliche Berührungen fest verankert. Wir geben uns die Hand, um uns freundlich zu begrüßen. Früher wurde dadurch gezeigt, dass man keine Waffe trägt. Das folgende Händeschütteln sorgte dann für Klarheit, dass auch im Ärmel des Gegenübers nichts Bedrohliches versteckt war. Eine vertrauensbildende und friedliche Geste – bis heute.
Doch nicht überall ist die Begrüßung mit Körperkontakt und Händedruck verbunden: In Japan verbeugt man sich voreinander. Fehlende Berührungen bei der Begrüßung lassen sich in Japan an anderer Stelle nachholen. In speziellen Kuschel-Cafés können Besucherinnen und Besucher gegen Bezahlung auf Zeit körperliche Nähe kaufen, wie zum Beispiel Umarmungen.
Auch in Kanada und den USA gibt es mittlerweile ähnliche Cafés. Wer lieber mit Katzen schmusen möchte, kann dies in speziellen Katzencafés tun, die es mittlerweile auch in zahlreichen deutschen Städten wie Berlin, Hamburg oder Hannover gibt. Berührungen mit Kaffee- und Katzenduft – warum nicht?
Corona – Abstand halten und die Folgen
An den für die meisten so wichtigen Alltags-Berührungen führt normalerweise kein Weg vorbei. Eine Ausnahme war die Zeit der Corona-Pandemie: Abstand war das Gebot der Zeit. Damit verbunden war die starke Beschränkung sozialer Kontakte – inklusive alltäglicher Berührungen. Weltweiter „Skin Hunger“ verursacht durch ein Virus. Viele negative Auswirkungen werden mit dieser Zeit in Verbindung gebracht und bis heute wissenschaftlich untersucht – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.
Für einige Expertinnen und Experten hat die lange berührungsarme Zeit noch etwas anderes gezeigt: Da viele Berührungen zwangsläufig wegfielen, sei bei vielen Menschen das Bewusstsein gestiegen, wie wichtig für sie alltäglicher Körperkontakt sei.
Untrennbar verknüpft: Berührungen und soziale Beziehungen
Ganz egal, ob in Partnerschaften, Freundschaften oder in der Familie – die wenigsten können oder möchten auf Berührungen verzichten. Auch wenn der Berührungsbedarf immer individuell ist: Ein kurzes Händeschütteln, eine minutenlange Umarmung – jeder Mensch hat sein eigenes Nähe- und Zeitempfinden. Aus einem „angenehm“ kann schnell ein „zu viel“ werden. Das wissen all jene, die sich schon einmal im Klammergriff einer passionierten Huggerin oder eines begeisterten Huggers befunden haben.
Enge und glückliche soziale Beziehungen sind eine wichtige Voraussetzung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Und zwar in allen Lebensphasen – von der Sandkastenfreundschaft bis zur neuen Bekannten im Seniorenheim. Das zeigt eine Langzeitstudie der Harvard University, die mehr als 2.000 Menschen aus drei Generationen seit 1938 begleitet.
Demnach hängt der Gesundheitszustand im Alter mit der Zahl der zwischenmenschlichen Beziehungen zusammen. Sind wir glücklich in unseren Beziehungen, kann das einen starken positiven Effekt für unsere Gesundheit haben. Auf der anderen Seite kann Einsamkeit die Gesundheit negativ beeinflussen.
Wie lassen sich Skin Hunger und touch starvation vermeiden?
Wie wichtig soziale Beziehungen sind, zeigt ein Konzept, das in Großbritannien bereits seit Jahren erfolgreich angewendet wird. Beim „Social Prescribing“, der „Verschreibung“ sozialer Kontakte, wird die medizinische Behandlung bei ausbleibendem Heilungserfolg durch passende Aktivitäten wie Kunstkurse oder Wanderangebote ergänzt. Soziale Kontakte als Genesungs-Booster, ein Konzept, das auch in Deutschland immer mehr Anhänger und Anhängerinnen findet.
Doch was ist das beste Rezept, um aufkommenden „Skin Hunger“ zu stillen und touch starvation zu vermeiden? Vielleicht schon direkt aus dem Urlaub das nächste Treffen mit der besten Freundin oder dem besten Freund vereinbaren. Und dazu noch die eigenen Prioritäten so gestalten, dass im Alltag regelmäßig genug Raum für die Umarmung einer vertrauten Person bleibt. Dem Berührungsmangel rechtzeitig vorbeugen. Damit im besten Fall „Skin Hunger“ erst gar nicht entsteht.