Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
17.07.2026 • 8 Minuten Lesedauer
Migräne ist keine Ausrede, sondern eine ernstzunehmende neurologische Krankheit. Wir klären auf.
„Ich muss leider spontan für heute absagen.“ – Das kommt von Migränebetroffenen häufiger, wenn sich eine Schmerzattacke ankündigt. Obwohl 10 bis 18 Millionen Menschen allein in Deutschland von Migräne betroffen sind, stößt die Krankheit beim Gegenüber noch oft auf Unverständnis. In einer US-Befragung von 2018 unter Nicht-Migränikern gab mehr als ein Drittel der Befragten an, sie glaubten, dass Migränepatienten einen ungesunden Lebensstil pflegten und quasi selbst für ihre Krankheit verantwortlich seine. Migränebetroffene fühlen sich durch ihre Krankheit stigmatisiert und sprechen daher nicht gern offen darüber. In einer europäischen Umfrage gaben 62 Prozent der Befragten an, Migräne habe einen Einfluss darauf, wie Arbeitgeber ihre Leistung bewerteten. Umso wichtiger ist eine bessere Aufklärung über Migrane.
Überblick: Was ist Migräne?
Migräne ist die häufigste neurologische Krankheit. Etwa 14 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer sind davon betroffen. Besonders in der Altersgruppe der 35- bis 45-Jährigen ist Migräne stark verbreitet, danach nehmen Häufigkeit und Schwere der Attacken bei Männern und bei Frauen ab. Migräne kann sowohl episodisch als auch chronisch auftreten. Man spricht von chronischer Migräne, wenn eine Person an mehr als 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leidet, von denen mindestens acht Tage die Kriterien einer Migräneattacke erfüllen.
Die Diagnose erfolgt nach einem ausführlichen Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin. Oft lässt sich anhand dessen schon eine Migränediagnose stellen oder ausschließen. Bei Unklarheiten kann ein MRT weitere Aufschlüsse geben.
Durch welche Symptome äußert sich Migräne?
Migränekopfschmerzen sind häufig pulsierend oder pochend und verschlimmern sich bei körperlicher Aktivität. Oft wird Migräne von Übelkeit oder gar Erbrechen begleitet. Betroffene reagieren empfindlich auf Sinnesreize wie Geräusche, Gerüche oder Licht. Während einer Migräneattacke können Betroffene nicht ihrem normalen Alltag nachgehen. Deshalb wäre es falsch, Migräne auf Kopfschmerzen zu reduzieren.
Die Dauer von Migräneattacken[PE3] liegt bei Erwachsenen zwischen vier und 72 Stunden.
Bis zu 15 Prozent [PE4] der Migränebetroffenen haben Migräne mit sogenannter Aura. Der Schmerz kündigt sich mit neurologischen Ausfallerscheinungen an, die bis zu einer Stunde anhalten können. Danach folgt der typische Kopfschmerz. Die Symptome der Aura können Seh- und Sprachstörungen sein, zum Beispiel kann das Gesichtsfeld eingeschränkt sein mit Flimmern vor den Augen. Auch Sensibilitätsstörungen, Lähmungserscheinungen, Drehschwindel oder doppeltes Sehen können auftreten. Nackenschmerzen sind häufig eine Folge von Migräne.
Was sind die Ursachen?
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht bekannt. Vermutet wird eine Beteiligung von entzündlichen Vorgängen an Blutgefäßen des Gehirns oder die Art, wie Schmerzsignale im Gehirn verarbeitet werden. Migräne kann auf genetische Veranlagung zurückzuführen sein. Oft lassen sich Häufungen von Migräneerkrankungen in der Familie beobachten.
Der Neurotransmitter CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) wird bei akuten Migräneattacken ausgeschüttet. Überaktive Nervenbahnen setzen CGRP frei, was die Blutgefäße an den Hirnhäuten erweitert und eine Entzündungsreaktion auslöst. Dies aktiviert Schmerzfasern, die das typische Pochen verursachen. Da das Gehirn selbst keine Schmerzrezeptoren hat, wird der Schmerz oft in andere Regionen wie den Nacken oder die Schulter projiziert. So spüren circa 70 Prozent der Betroffenen Nackenschmerzen, obwohl die Ursache im Kopf liegt.
Was sind die Auslöser von Migräneattacken?
Auslöser, sogenannte Trigger, für Migräneattacken sind nicht die “eigentliche Ursache” der Migräne, können aber Migräneanfälle hervorrufen. Stress, Hormonschwankungen, metabolische Veränderungen oder ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus gehören zu den häufigsten Triggern. Auch bestimmte Lebensmittel (z. B. Schokolade oder Alkohol) werden oft als Auslöser genannt. Ob tatsächlich eine Migräneattacke ausgelöst wird, ist jedoch nicht monokausal und hängt von vielen Faktoren gleichzeitig ab.
Um Ihre persönlichen Migränemuster kennenzulernen, empfiehlt es sich, ein Kopfschmerztagebuch zu führen. Hier können Sie das Kopfschmerztagebuch der KKH kostenlos herunterladen:
Behandlung: Was hilft gegen Migräne?
Migräne ist eine chronische Erkrankung und somit nicht heilbar. Aber sie kann behandelt werden und die Lebensqualität der Betroffenen lässt sich verbessern. Die meisten Betroffenen finden im Laufe ihrer Erkrankung heraus, was ihnen bei einer Migräneattacke Linderung verschafft, z. B. das Schlafzimmer abzudunkeln oder Kühlakkus an den Schläfen.
Gegen Migräne gibt es mit Triptanen Akutmedikamente, die gut helfen. Vorausgesetzt, sie werden früh genug eingenommen. Viele Menschen warten zu lange, in der Hoffnung, dass die Schmerzen von allein weggehen oder nicht zu schlimm werden. In Deutschland gibt es sieben unterschiedliche Triptane, von denen drei sogar rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Laut Leitlinien sollten höchstens an zehn Tagen im Monat Schmerzmittel genommen werden. Seit 2025 sind in Deutschland zwei Gepante verfügbar. Diese Medikamente werden in der Akuttherapie und in der Prophylaxe eingesetzt. Gepante verengen nicht die Blutgefäße, weswegen Patienten, die z. B. wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen keine Triptane nehmen dürfen, davon profitieren könnten.
Auch Botox wird mitunter gegen Migräne angewandt. Es wird im Kopf- und Gesichtsbereich injiziert und beeinflusst unter anderem die Freisetzung von Botenstoffen wie CGRP. In der Migränetherapie sind Entspannungsverfahren und geregelte Tagesabläufe wichtige Bestandteile. Änderungen im Schlafmuster können Migräneattacken hervorrufen und sollten deshalb vermieden werden. Es gibt Hinweise, dass Vitamin B2 vorbeugend gegen Migräneattacken helfen kann. Sprechen Sie hierzu mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin.
Fazit
Migräne ist eine ernstzunehmende, aber gut behandelbare neurologische Erkrankung. Ein strukturierter Alltag und die passende Therapie können helfen, Attacken seltener und weniger stark auftreten zu lassen und Lebensqualität zurückgeben. Falls Sie betroffen sind: Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch, identifizieren Sie persönliche Trigger und besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt geeignete Optionen für Akut- und Prophylaxetherapien. Falls Sie Migränebetroffene in Ihrem Umfeld haben, begegnen Sie Ihnen mit Verständnis. Offenheit und Aufklärung bauen Vorurteile ab und sorgen für eine bessere Versorgung für Menschen mit Migräne.